Assoziationskraft

Wenn ein Rezipient einem Text, einer Rede oder einer Handlung folgt, werden Assoziationen nicht ausbleiben und so ist beispielsweise Lyrik eine Kunstform, die auf Assoziation hin angelegt ist, um innere Bilder zu evozieren.

Bis zum Barock ordnet man dies dem Affekt, in der Romantik dem Gefühl und in heutiger Zeit der Psychologie zu.

Assoziationen und innere Bilder gehören zum Wesen eines jeden Menschen. Sie prägen das seelische und geistige Leben und sind stets individuell subjektiv. Daher ist es ein sensibler Vorgang, wenn Menschen sich in ihren Assoziationen und inneren Bildern anderen Menschen mitteilen, denn dies kann beim Anderen auf Verständnis oder Unverständnis, auf Verstehen oder Nicht-Verstehen treffen.

Kommunikation basiert demnach auf Assoziation und innerem Bild und die Künste sind hierfür ein besonderes Terrain.

In der Orgelmusik:
Seit ab dem 17. Jahrhundert Musikformen wie Oper und Programmmusik das Musikdenken zunehmend mitprägen, will sich das Instrument Orgel und die Orgelmusik hiervon nicht ausnehmen. Ein plastisches Beispiel ist das Orgelregister Regal, das in Monteverdis Oper Orpheo die Unterwelt assoziieren lässt. Trompeten wecken herrschaftsbezogene, Flöten bukolische Assoziationen. So ergeben sich aus Klangfarben und deren Mischungsverhältnissen unterschiedlichste Assoziationsebenen.

In der Komposition des Barock und der Romantik:
Richard Wagners Leitmotivik bindet musikalische Charakteristika an Figuren bzw. an Situationen seiner Opern. Ein Soggetto oder Thema prägt eine Fuge und deren Affekt; Themendualismus oder Gegensatz in der Zeitgestaltung als langsam und schnell setzen Assoziationen zueinander in Beziehung. Wo unterschiedliche Energien aufeinandertreffen, entsteht Konfliktpotenzial. Dissonanz ist dabei nur eine von vielen Merkmalen, die hier musikalisch zum Einsatz kommen können. Wo Energien konvergieren, entsteht Lösung. Konsonanz ist dazu ein Pendant. Dem Momentum, wie Musik endet, kommt dabei eine besondere Assoziationskraft zu.

Komposition in der Moderne:
Die neue Sachlichkeit des 20sten Jahrhunderts stellt sich den romantischen Konflikt-Attitüden entgegen. Objektivität und Stilisierung bewerten die Assoziationskraft neu, verbunden mit objektivierender klanglicher Recherche. Beobachtung und Wahrnehmung werden zu bestimmenden Begrifflichkeiten. Das Konzept, die Baustelle oder das offene Kunstwerk werden hierfür zum Schauplatz, um sich manipulatorischer Attitude zu entziehen.

Ein Hinweis auf J. S. Bach:
Das Beispiel sei Bachs Schlussfuge der ClavierÜbung III als Tripelfuga Es-Dur. Niemand muss sich den nun vorgetragenen Assoziationen anschließen.

Soggetto I, Duxgestalt

Vorangeht in der Grundtonfolge der vier Duette ein aufsteigender Tetrachord e-f-g-a, sodass man die nun in Soggetto I erklingenden Quarten g-c′ und b-es′ als deren Fortsetzung assoziieren kann. Genaues Beobachten der ersten sieben Stücke der ClÜ III hinsichtlich tonartlicher Prozesse in Wechselwirkung zum Wort ›eleison‹ in den Kyrie-Stücken führt zur Beobachtung der Progression es – b as b c′ b as g – g f g a g f e. Somit erwächst auf der Ebene reflektierenden Wahrnehmens aus es-b, c-g, a-e vs. e-a, g-c′, b-es′ der ersten sieben Stücke vs. der letzten sieben Teilstücke der ClÜ III eine Assoziationskraft.

Soggetto I, Comesgestalt

Die Folge es-b-a-b lässt das Initium der Credo-Melodie Wir glauben all an einen Gott assoziieren. Da dieses Initium ebenso anhand der Stücke 13, 14 und 22 auf den Stufen d, e und f gegeben ist, kann man in der reflektierenden Zusammenschau die Gestalt es-d-f-e assoziieren.

Soggetto II

Würde man den Verlauf der Takte 1 bis 8 von ClÜ III/5 als Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit (manualiter) nicht in G-Dur, sondern in Es-Dur erleben, dann wären dazu die Takte 1 bis 8 der zweiten Teilfuge aus ClÜ III/27 kongruent. Das Wesen der Wechselnoten des Soggetto II kann man dann als Colorierung von Stück 5 verstehen. Auf der Ebene reflektierender Wahrnehmung ergibt sich:
Ende Stück 4 B As B c B As G zum Wort ›eleison‹
Beginn Stück 5 g a h c h…a h c d c h als Krebsgestalt
[transponiert: es f g as g…f g as b as g]
Beginn Stück 27/II es f g as g…f g as b as g als Colorierung

Assoziation/hermeneutischer Schritt:
Die Assoziationskraft der Tonart Es-Dur – die Tonart Es-Dur mit ihren drei Be die heilige Trinitas symbolisierend (Schubart) – hebt das vormalige Kyrie eleison in eine neue substanzielle Ebene; hermeneutisch:
Die Bitte um Erbarmen erfährt in der Schlussfuga Es-Dur und dort insbesondere in deren zweiter Teilfuge ihre Antwort. Die Colorierung verleiht dem vormaligen Kyrie gleichsam Flügel und lässt ein engelgleiches Wesen assoziieren.

Soggetto III

Für den Verlauf
c′ b c′ f as g as f vs. b as b es g f g es kann man auf Basis der Signatur zu folgenden Assoziationen kommen:
c′ c′ f f b b es
Choralzeile So wird er mich ganz väterlich aus dem Lied Was Gott tut, das ist wohlgetan
Quintfall c-f-b-es
Signatur Der letzte Stundenschlag gemäß Schluss des vorletzten Satzes in der Kantate Komm, du süße Todesstunde; vgl. auch: Kunst der Fuge, Cp X, Exposition des Soggetto III, ausgehend von den Tönen e, a′, d′, G
Im Krebs: f as g c′ vs.
im Original: c′ f
Signatur Dignum et iustum est
c′-as-f – b-g-es
Ut Mi Sol Re Fa La tota Musica et Harmonia aeterna (Joh. H. Buttstedt, Erfurt 1716)

Conclusio:
Sofern in der Wahrnehmung von Musik Assoziationskraft und Reflexion ein Junktim eingehen, können daraus fruchtbare hermeneutische Prozesse erwachsen, die, wie das gegebene Beispiel zeigen soll, auf mögliche Intentionen und Reflexionsebenen eines Komponisten – hier: J. S. Bach – schließen lassen. Dem Rezipienten können aus dessen persönlicher Assoziationskraft im Junktim mit reflektierenden Prozessen innere Bilder erwachsen, die ihn zu bereichern und zu erheben vermögen.

CB